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Mit der 50er durch halb Deutschland

… mir ist arschkalt, spühre die tauben Hände und Füße kaum noch, nehme meine Umwelt nur noch als dumpfe Klangwelt war, es ist zappenduster und meine Augen sind zugekrustet.

Früh fing er an, der 24. Mai 2008, sehr früh sogar für einen Samstag Morgen. Es ist 03:45 als mich glechzeitig mein Handy und Funkwecker unsanft nach einer 2 Stunden Nacht aus dem Schlaf reißen (konnte das Ende von Half Life 2 - Episode One nicht auf den nächsten Tag verschieben ). Die Sonne schickt ihre ersten Vorboten in die Erdatmosphäre und ich beginne das vor mir stehende Abenteuer lieber mit einer starken Tasse Nescafé Espresso nach der Dusche. Ich habe die warmen Sonnenstrahlen des heute angekündigten guten Wetters schon auf meine Beine brennen spühren und so stehe ich mir mit kurzen Hosen gemeinsam mit einer Zugbegleitung noch bis 04:30 die Stelzen in den Bauch … bei 3,5 °C; wie kalt doch diese warmen Samstage beginnen können. Dafür verläuft die Heimreise mit der Bahn, trotz pessimistischer Schwarzmalerei, absolut reibungslos und das zu unschlagbar günstigen 56€ für eine 5h32min Reise mit dem ICE; Dank Online-Vorbuchung und Postzustellung der Fahrkarte eine Ersparnis von satten 44€ im Gegensatz zu einer Automatenkarte.

Zuhause empfangen mich Oma und Opa Kießling mit dem 3er Touring um mich in meinen Noch-Erstwohnsitz in Mechlenreuth zu chauffieren; erstaunlich wie lange man so nen Benziner unterhalb der 2000 Touren fahren kann. Viel Aufhebens um eine alles umfassende Vorbereitung für meinen Trip habe ich mir nicht gemacht. Im Grunde umfasst mein Equipment nur eine im Rucksack eingepackte Motorradhose (wird später noch immens wichtig) und die im letzten moment von meinem Vater, dem Peter, zur Verfügung gestellten Voll-Gesichtsfeldbrille meiner Mutter, der Doris (im Nachhinein wohl das lebensnotwendigste Utensil). Standardmäßig noch Handy, Pocket und Papiere eingesteckt plus VW-Straßenatlas 2006/07 mit eingezeichneter Route. Zur Routenplanung entschied ich mich für map24.de mit auf Moped getrimmten Einstellungen - Basis Strecke 425,3 km - handverlesen wurden dann doch nur 413 km draus auf zumeist “weißen Straßen”. Preparations done.

Um 10:57 bei km-Stand 7587,5 fiel dann der Startschuss zu einer voraussichtlich 12 Stunden währenden Odysse durch den Thüringer Wald, dem Harz und der Lüneburger Heide, einmal quer durch Deutschland ohne Wiederkehr. Die ersten 50 km fahren sich richtig angenehm, bergauf bergab geht es durch Helmbrechts Richtung Naila an Bad Steben vorbei nach Lobenstein auf ganz-ok-Straßen des Hofer Landkreises. Ah, i made a misstake. Lobenstein ist ja schon Thüringische Ostdeutschland-Bastion und kündigt prompt das Verpuffen Westdeutscher Steuergelder aus dem Solidaritätsfond im Straßenbau an. Wer es sich mal zutrauen sollte in der Region hinter Lobenstein Richtung Saalfeld a. d. Saale unterwegs zu sein, dann bitte nicht auf “weißen Straßen”. Selbst meinem Moped konnte ich es kaum zumuten über die vom Frost fortgeschritten aufgebrochenen Straßen, mit nahtlosem Schotterübergang gen Abgrund, zu holpern. Erste Ängste steigen in mir hoch die Vordergabel würde nachgeben oder ein Reifen Schaden nehmen (die Aufbruchrillen des porösen Vorderreifens sind eh schon tiefer als das Profil an sich). Und obwohl die Temperaturen noch lange ansteigen werden, veranlasst mich der Zugwind schon jetzt meine Handschuhe zu equippen, kälter als man denkt wenn man sich nicht rührt.

In Saalefeld angekommen, nach letztlich unfallfrei durchstandener Ralleystrecke, versuche ich erst einmal an der ersten Agip-Tankstelle den mich zu erwartenden Spritverbrauch abzuschätzen. Schon etwa 90km liegen hinter mir, die 2 Stunden vergingen wie im Flug, das Tanken anbei auch. Bei lächerlichen 2,44l stoppt der Zapfhahn und insgeheim frag ich mich ob man auch ohne Tanken hochkäme. Als mich die Saale-Orla-Kreis-ansässige Schalterdame anredet versteh ich kaum ein Wort, und das ist nicht auf den lächerlich sächsischen Dialekt zurückzuführen, sondern dass meine Ohren bei dem Lärm einfach auf Durchzug geschalten haben. Bissl Kaffe, Knacker mit “Semmel” und ne Ritter Sport Marzipan in mich, und eine halbe “Tube” (lol?) 2-Taktöl in die Zündapp, reingetrichtert. Das Navigieren fällt bisher recht leicht, in Rudolstadt links ab Richtung Stadtilm und geradeaus weiter nach Erfurt. HALT !!! Scheisse. Unwohlsein macht sich im Magen breit als ich nach einer halben Stunde merke, dass mir die durchfahrenden Dörfer nicht mehr so recht bekannt vorkommen wollen. Die Erkenntnis kommt schon vor dem Blick auf die Karte - Verfahren - und zwar gar net mal so wenig. Wenn man die Strecke Stadtilm-Erfurt als einen Schenkel eines Dreiecks betrachtet und diesen mit einem Zirkel auf der östlichen Seite von beiden Enden abträgt, würde am Schnittpunkt der beiden Teilkreise Bad Berka liegen. Bingo - you are here.

An sich nicht weiter tragisch, gut die +Kilometer und die verlorene Zeit gibt mir keiner wieder, aber nach Karte eigentlich kein Problem wieder auf den Track zurückzukommen. Und dieses eigentlich hört da auf wo hinter Urbich die Kraftfahrstraße anfängt. Die Optionen ? Eine Irrfahrt durch die Metropole Erfurt mit einem Straßenatlas. Oder 14km auf einer Erfurt-Umgehungsschnellstraße für Kraftfahrzeuge die 60+ im Schein stehen haben. … fährt sich eigentlich sehr angenehm auf so einer frisch angelegten Trasse leicht bergab mit 60-70 km/h. Im Rückspiegel kündigt sich es dann an. Langsam kommt es näher. Silberfarben. Blaue Streifen. Blaue Effektanlage auf dem Dach. Die Erfurter Polizei crused förmlich mit etwa 90 km/h gemächlich an mir vorbei. Mir, einem 25-jährigen, Bundeswehrrucksack auf dem Rücken, der Gaszug am Anschlag, dem Auspuff fehlt der db-eater, Tribal-flames auf der Seitenabdeckung. In dem Augenblick als der 5er Touring vor mir wieder auf den rechten Fahrstreifen schwenkt steigen in mir Brechreiz, kalter Schweiß, Harn- und Stuhlgang sowie Bewustlosigkeit gleichzeitig auf. Dunkle Erinnerungen, vergraben tief im Unterbewusstsein brechen hervor, als ich wegen versehentlichen (kein Witz) Fahrens mit falschem Kennzeichen wegen Versicherungsbetrugs zu 580€ Bußeld von der Staatsanwaltschaft Hof verdonnert wurde. Umso größer dann die Erleichterung als kein winkender Arm aus dem rechten Fenster und auch keine leuchtende LED-Leiste aus dem Heckfenster aufzuleuchten began. Der Schock wär erstmal überstanden.

“Auffahrt A71 Sommeröda/Illmenau” Der nächste Schöck ließ nicht lange auf sich warten. WTF. In festen Vertrauen auf die Gültigkeit meines 06/07er Atlases sollte eigentlich eine Brückenüberfahrt über die A71 weiter nach Nöda führen. Denkste dir so. Die Schnellstraße gleitet nahtlos in eine Auffahrt auf die A71 über, begrenzt von Leitplanken und 2 hinterinanderliegenden Wassergräben. Ich komm mir irgendwie ausweglos eingesperrt vor. So haben wir nich gewettet. Ich bleib kurz am Fahrbahnrand stehen um mir den &%§” mal anzusehn. Der Ursprüngliche Straßenverlauf ist noch zu erahnen, umkonstruiert zur besseren Verkehrsführung und wegen dem Ausbreiten eines Kieswerks. Den zurückliegenden Bauarbeiten zu diesem Projekt kann ich nichts böses mehr ab, dem “Versuch”, muss man es schon nennen, die etwa 70-80kg schwere Zündapp den ca. 2m tiefen Wassergraben hinab und wieder hinaufzuschieben allerdings schon. Die zu diesem Zweck ausserordentlich ungünstigen Fliegerstiefel haben eine durchgehend glatte Sohle. Schleifende Kupplung, 1. Gang, einhacken der Verse in den mit langen Gräßern bewachsenen Hang. Eine Plagerei ist das vielleicht. Doch recht schwitzend konnte ich dann die nicht weit abseits liegende Paralellstraße erreichen auf der ich ursprünglich fahren wollte. Jetzt zumindest erstmal schön chilln beim Cruisen.

Und die vorausliegende Strecke bot mir auch günstigerwiese die Gelegenheit dazu. Bei Vehra auf die B4 weiter Richtung Sonderhausen. Sogar ein kleines Jubiläum darf ich zwischen Greussen und Sonderhausen feiern und das Glück ist mir auch noch Hold, als ich bei einem kleinen Hügel den Kilometerstand von 7777,7 mit 70km/h überwinde. Dummerweise macht mir meine Handykamera einen Strich durch die Rechnung und schiesst nur ein 160*120 Pixel Photo. Fuck. 190 km sind es bis hierher etwa und der Schuppen sieht ganz pasabel für nen kleinen Imbiss aus. Ich bestell mir SchniPoMa (Schnitzel mit Pommes und Majo) zusammen mit nem Thüringer Bier 0,5l. Verdammt,ich hätte es doch bei den 0,3 lassen sollen. Das Bouque des Bieres aus der Umgebung lag irgendwo zwischen gar nicht vorhanden, Socke von vorgestern und etwas das vor langer Zeit einmal ein Bier gewesen sein könnte. Zumindest die Mahlzeit passt, die schwarze Lederhose die ich mir der Wärme wegen für den bevorstehenden Harzaufstieg anziehe ebenfalls. Auch wenn mich die prüfenden Blicke der 2 Bedienerinen mit einer ihrer Töchter dann doch schon gehörig stören. Was für Schabracken. Keine Zeit zum Würgen, den Kapuzenpulli noch ordentlich um den Hals gewickelt und weiter gings auf der Route B4 dem höchsten innerdeutschen Berg entgegen.

Man merkt, dass es steiler wird. Die 50 km/h Tripps sind vorbei jetzt geht es mit stabilen schnaubenden 40 durch Nordhausen die Pässe hinauf. Sehr schöne Strecke. Brandneu anmutende breite Straßen gesäumt von dichtem Wald und kein Dorf, kein Haus weit und breit in Sicht. Dutzende echte Mopeds kommen mir entgegen, überholen mich, manche Blicken nochmal zurück. Ja richtig gesehn, ich fahr mit ner 50er den Harz hinauf. Aber der Harz ist kein Waldsteinpass, kein rauf auf 755m üNN und wieder runter. Hier gehts viel rauf, leicht runter, nochmal richtig rauf, wieder bischen runter. So zieht es sich hin, das Mittelgebirge im Herzen Deutschlands, ringsrum nur Berge, ja fast Gipfel. Ein Alpenpass folgt auf dem nächsten und unterstreicht die beachtliche Größe des Harz ein aufs andere Mal. Beim Dörfchen Hohegeiß bekommt man das Gefühl das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben, dieses Gefühl verfliegt flugs wenn man am Ortsausgangsschild schon die nächsten Knapp-Tausender erspäht. Also wieder kontinuierlich bergauf. Zur Abwechslung mal ein Highspeed gefälle bei der ich versuche meinen Unwuchtkörper in eine strömungsgünstige Position zu schieben. 78 km/h. Schonmal net schlecht obwohl noch einen Ticken mehr gehen würde. Ob der Ticken mehr dann auch zum selben Schicksal geführt hätte, dass die Buell ereilt halt als ich der nächsten Kurve näher kam ? Eindeutig eine Buell die da auf einen ADAC Pannenwagen gehieft wird, obwohl man das nur noch an der markanten Restrahmenform, der unter dem Motorrad verlaufenden zerquetschten Auspuffanlage und dem eingedellten wuchtigen Tank erkennen kann. Vom Fahrer keine Spur mehr, nur die Polizei im Passat verhört ein wohl beteiligtes Kfz. Das macht mir keine Sorge. Der Gipfel ist schon in Sicht.

Die Straße ist 3-spurig, schon wieder eine Kraftfahrstraße. Ich seh ein, dass man hier bei der Beschilderung nicht bedacht hat, es könnte mal eine Zündapp entlangfahren. Der Pass müsste auf etwa 900m liegen, rechts der Rehberg, links die Achtermannshöhe. Vom Parkplatz auf dem Scheitelpunkt aus drehen sich einige Köpfe in meine Richtung. Ein Funken Hochmut gemischt mit Stolz wärmt kurz meine Gliedmaßen. Tolles Gefühl. Auf dem Dach Deutschlands mit 2,7 PS. Keine Zeit sich künftige Einträge in die Annalen des Harz zu erträumen denn es geht richtig wuchtig bergab, kontinuierlich 10%+. Ergeiz packt mich als ich in einer 70er Baustelle mit knapp 80 auf dem Tacho, dem Drehzahlmesser bei 9000+, einem Motorradfahrer von hinten entgegenschiese, der sich verwunderlicherweise präzise ans Tempolimit hält. Geduckte Haltung, 79,5 km/h, Topspeed der Tour (der Tacho endet bei 80) versuche ich links am Tourer vorbeizuziehen. Tjo schlechter Gag hat er sich wohl gedacht und braust mir einfach so davon. Hrmpf. Hätt ich gern erzählt so ein Manöver, doch auch aus Rücksicht auf den Motor lass ich es selber auch ruhiger angehn, mit 60 und Motorbremse düse ich Bad Harzburg entgegen. Wenn man den Gaszug ganz zumacht und mit dem Motor bremst, kommt dann eigentlich noch genug Schmierung durchs Benzin in den Zylinder ? Zu hypotetisch die Frage, zu hohes Risiko wenn die Antwort falsch wäre, doch lieber Gas offen lassen und mit den Trommeln bremsen, man hat ja noch gute 150 Kilometer vor sich.

Ortseingang Bad Harzburg dann mein zweiter Kontrollbesuch bei einer Tankstelle, bei Aral werden nochmal 5,13l nachgetankt für die zurückgelegten knapp 200 km. Die Berge haben doch etwas mehr an Sprit gekostet, aber immer noch nicht die Welt. Der Rest der “Tube” reicht nicht ganz für den Tank und das neue Ölbehältnis glänzt mit dem Fehlen einer Volumenanzeige, dem Nichtvorhandensein einer Umrechnungstabelle und dem (wahrscheinlich patentierten) Einfüllmechanismus des integrierten Maßbechers über Pumpen. So ein Schwachsinn und ich spreche hiermit ein Abraten vom Kauf des “Castrol Actevo 2T” aus. Sowieso viel zu neonrote Farbe um gesund sein zu können. Die Vibrationen zollen ihren Tribut, der Rücken schmerzt gar sehr und die Extremitäten wurden taub. Auch die kurze Nachtruhe macht sich allmälich bemerkbar. Ein Redbull sugarfree soll Geist und Körrrper beleben, jetz kann er das auch mal in einer reallife Erfahrung unter Beweis stellen. Vor mir liegt ein in der Vorbereitung groß befürchtetes Problem. Die Durchquerung von Bad Harzburg, die Wegfindung nach Salzgitter und die anschließende Umfahrung von Brandenburg stellten die bitterste Pille dar die ich auf dem Trip hätte schlucken müssen. Zu meiner eigenen Erleichterung konnte ich aus den bisherigen Navigationen erlangte Erfahrungen einfließen lassen und kam ungehindert in Harversse südlich der A2 an.

350 Kilometer done. Das Verzurren des Rucksackes auf meinem Bürzel war eine weise Entscheidung, entlastete es doch merklich den Druck auf die Wirbelsäule und minderte auch die starken Vibrationen, die bis dato das Hauptproblem des journeys darstellten. Es ist jetzt ziemlich genau 22:00 und ich Ahne was mir ab hier bevorsteht. Die knapp 50 Kilometer Celle entgegen stellen sich schon auf der Karte als Highspeed Teststrecke durch ihren schnurgeraden Verlauf dar, kein noch so kleiner Hügel oder Anhöhe wird für Abwechslung sorgen, geschweige denn eine Kurve. Die Sonne taucht langsam aber beständig in den Horizont ein und die Zündapp düst konstante 52 km/h bei fixierten 6000 U/min gen Celle. Über eine Stunde, mehr als 60 Minuten, monotones Motorgeheule, kaum Verkehr, die Straßenschilder erinnern mich regelmäßig daran, dass ich noch sehr lange unterwegs sein werden bis ich Celle erreiche. An dieser Stelle möchte in einen kleinen Vergleich anstreben. Ihr seid wieder 14 Jahre alt und sitzt am letzten Tag vor den Sommerferien in einem nicht klimatisierten Unterrichtsraum; der Sonne zugewand; Frau Schmidt geht ihre letzte aufgegebene Buchbesprechung durch - ihr habt das Buch natürlich nicht gelesen - auf der Straße vor der Schule steht ein Eiswagen, dahinter plantschen schon die 5-Klässler die früher aushatten im Freibad und ihr sitzt auf euren ergonomisch gestylten Formhaltestühlen und starrt beharrlich auf die Analoguhr über der Tafel. Und als würde Mr. Smith mit seiner 357er Magnum gerade auf Neo im Slow-Motion-Mode schießen, seht ihr den letzten erbärmlichen 60 Minuten auf dem Zeiteisen in schier unfassbar langsamer Geschwindigkeit beim verstreichen zu.

Gefühlte vier Stunden später, schon reichlich unterkühlt, geht es mit immernoch konstanten 52 Stundenkilometern flugs durch Celle hindurch auf die letzte Etappe meiner Reise. An der Straßenführung ändert sich hier oben, rund um die Lüneburger Heide, wenig. Die Topograhpie lässt es nunmal zu schnurgerade ebene Straßen dem Horizont entgegen zu bauen. Als kleine Hinderniseinlage kommen auf den jetzt folgenden eher bäuerlichen Straßen rießige Feldbewässerungsspränkler hinzu, die zu meiner eigenen Verwunderung auch in dieser Nacht, mittlereweile halb11 und durch die Aleen stockfinster, mit vollpower Wasser auf die Agrarprodukte sprühen. Der Wind nahm die ganze Zeit schon zu. Starker Wind + Spränkler = kalter Immo. Mir gehts schon lange nicht mehr gut. 17 Stunden auf den Beinden, den Arsch über 11 Stunden auf einer Sitzbank die gerademal einer Backe ausreichend Platz bieten würde und da ich mich schon seit zwei Stunden kaum bis gar nicht bewege ist es sehr kalt, arschkalt, saukalt, eben einfach verdammt kalt. Die Möglichkeiten zum Wärmeerhalt sind vollständig ausgeschöpft: Stiefel mit warmen Innenfutter, zwei paar Socken, dicke Leder-Motorradhose, T-Shirt, Kapuzenpulli, Lederjacke, Schal, Handschuhe. Meine Füße und Hände geben kaum noch auswertbare Rückmeldungen. Schon wieder so ein beschissener Spränkler und das Ziel kommt wieder mal keinen Deut näher.

Herrmannsburg - Müden a. d. Örtze - Faßberg. Am Ende ging es dann ganz schnell, wohl auch weil ich im halbschlaf nicht mer so des Zeitgefühls mächtig war. So fliegt auch das zweite Tacho-Jubi unbemerkt an mir vorbei als ich die 8000 Kilometer Marke knackte. Am Tor kuckt man erst einmal skeptisch, es ist immerhin Samstag abend halb zwölf und es will ein zugemummter Mopedfahrer rein. Das Absteigen und Auspacken des Ausweises erweist sich als letzter anstrengender Kraft- und vor allem Schmerzakt zu dem ich mich noch aufbäumen muss. Dauert auch ne Weile. Faßberg, Alfred-Keller-Damm 405, es ist geschafft, endlich. Ich will auch nicht mehr, ich kann schon lang nicht mehr. Wenn sitzen schon schmerzt dann wird das Treppensteigen jetzt auch kein Wunschkonzert. Die Brille, die ich - Gott sei Dank - noch mit auf den Weg bekommen habe zähle ich jetz zu DEM Utensil, ohne dass ein erfolgreiches Beenden dieser Tour auf keinen Fall machbar gewesen wäre. Unzählige Insekten versuchten sich einen Weg durch das Duroplast zu bahnen, von den Myriaden an Pollen ganz zu Schweigen. Und obwohl ich generell weder eine Pollenallergie noch Empfindlichkeit habe macht es wohl einfach die schiere Menge, dass ich mir eine Kruste von den Augenrändern abschaben muss. In den Spiegel geschaut geht es meinen Augen definitiv nicht gut, leicht geschwollen, rot, entzunden; kein Plan aber wird sich bis Sonntag morgen schon noch legen. Es ist 23:32 und der Tachometer zeigt 8029,1 km an, das heisst dass 441,6 Kilometer in 12 Stunden 35 Minuten zurückgelegt wurden und dazu lediglich 11,28l Sprit benötigt wurden was einem Durchschnittsverbrauch von 2,55l auf 100 Kilometern entspricht. Die Daten meines Körpers sprechen deprimierendere Werte, Hände und Füße sind richtig taub, der ganze Körper ist unterkühlt, trotzdem recht roter Kopf (wohl doch zu viel Sonne erwischt), die Wirbeläule schmerzt gar sehr und zum Essen oder Duschen fehlt mir schlicht und ergreifend die Motivation. Ich knall mich ins Bett und bin sofort weg.

So eine Fahrt hatte ich eigentlich schon lange im Auge, da traf es sich ganz gut, dass ich zu meinem Bezug des neuen Wohnsitzes hier oben in Hermannsburg die Zündapp irgendwie hochschaffen musste. Ins Auto hätte sie schon gepasst, bissl Zerlegen und dann würde der Bob passen, aber hey Männer sind Deppen und Abenteurer und beide schüttelten sich auf der Tour die Hände. Noch einmal würde ich jetzt erst einmal so eine Strecke nicht mehr fahren. Ausgeruhter, früher beginnend, mehr Kälte-, Nässe- und Windabweisende Klamotten würden die Fahrt auch deutlich komfortabler gestalten und die Sitzbank müsste definitiv breiter werden, dann stünde einer auch noch längeren Tour nichts im Wege. Eventuell ja mal über 2 Tage mit Zelt und einem oder mehreren Mitfahrern. Ein Geschäftszimmerkamerad hier oben hatte ursprünglich vor seinen Vespa-Roller mit der Bahn nach Münchberg zu fahren und dann gemeinsam mit mir hochzudüsen. Seine eher zart beseidete Persönlichkeit hätte damit dann wohl doch arg zu kämpfen gehabt.

Bilder habe ich nur wenige gemacht und aufgrund der lächerlichen 1,3 Megapixel, falschen Einstellungen und miesen Lichtverhältnissen werde ich auch nur 1 als Abschluss posten, dass mich irgendwo zwischen Lobenstein und Saalefeld zeigt, naja nicht mich aber zumindest meine Zündapp CS50. Hier oben ist die Verwunderung über den Trip recht groß und fällt sogar in Unglauben um, ich kann nur hoffen, dass der Bericht die Zeit zum lesen wert war, und vielleicht gibts ja ein paar Trittbrettfahrer.

mfg immo

Zündapp CS50

Der Beitrag wurde am Montag, den 26. Mai 2008 um 20:29 Uhr veröffentlicht und wurde unter Ausflug abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

590 Beiträge zu “Mit der 50er durch halb Deutschland”

  1. chillout

    Andy, you’re a star! Saugeiler Bericht, du solltest aber die “Mehr lesen”-Funktion benutzen.

  2. sui

    Immo you rock! Krasse Aktion und 1A Bericht :D

  3. mortox

    Whow, fetter Bericht Andy! Muss ja ein riesen Erlebnis gewesen sein. Ich find´s sau lustig geschrieben und teilweise sogar sehr poetisch. Und JA - das Lesen ist´s auf jeden Fall wert.
    Danke für diesen geilen Beitrag!

  4. LoCu

    Ich habs auch gelesen!
    der bericht rockt echt! hätte gern noch mehr bilder gesehen!

  5. immo

    Wie gesagt, Bilder sind qualitätsmäßig zwischen “Durch die Ritze” und “am anderen Ende des Rohres” angesiedelt

  6. Frigg

    Jeah digg! Andy for Venus Award..ähh Pulitzerpreis. Saugeiler Bericht. Sollte scho fast irgendwo printmedial veröffentlicht werden.

  7. mortox

    “Mein Moped und ich” - Eine Liebesgeschichte in sieben Bänden. Von Andreas Pischl…

  8. aufstand

    Oh man oh man, schon lang nicht mehr so nen geilen Bericht gelesen. Für die Aktion kriegste auf jeden Fall fette Respektpunkte vo mir.

  9. soul

    4,95 Broschs von 5
    gruß deine lux-lessel

  10. slaYa

    yeah fetter bericht, bin a endlich mal zum lesen gekommen… :)

  11. la electronica m

    yo…

    thanks…

  12. home loan

    Lovely. Great site.